Qigong und Taijiquan

„Auf der ganzen Welt gibt es nichts Sanfteres als das Wasser. Und doch kommt ihm in der Art, wie es dem Harten zusetzt, nichts gleich. Das Sanfte besiegt das Harte, das Schwache triumphiert über das Starke. Das Geschmeidige ist stets dem Unbeweglichen überlegen.“

(Aus dem Daodejing)

Qigong und Taijiquan sind traditionsreiche Bewegungssysteme aus China. Sie umfassen bewährte Techniken zur körperlichen und geistigen Entspannung und Stärkung. Auch im Westen sind sie als Instrument zur Pflege der Gesundheit verbreitet. Einen guten Überblick über den Beitrag von Qigong und Taijiquan zur Gesundheitsförderung bietet das Informationsdokument, das die Schweizerische Gesellschaft für Qigong und Taijiquan (SGQT) veröffentlicht hat; es untersucht das Potenzial der chinesischen Bewegungskünste nach den im heutigen Gesundheitswesen gängigen Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Im Zentrum von Qigong und Taijiquan steht das Konzept des Qi. Der Begriff wird näherungsweise oft mit Lebenskraft übersetzt wird. In der Sicht der traditionellen chinesischen Medizin entstehen Krankheiten aufgrund energetischer Ungleichgewichte im Körper. Qigong bezweckt, solche Defizite der inneren Balance wieder auszugleichen bzw. sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Zu diesem Zweck wird der Energiehaushalt des Menschen mit geeigneten Übungen harmonisiert und reguliert. Wörtlich bedeutet Qigong so viel wie „Arbeit mit dem Qi“ oder „Fähigkeit, das Qi zu nutzen“. Qigong-Übungen sind durch langsame Bewegungen gekennzeichnet. Sie können auch Atemübungen, Konzentrationsübungen, Meditationsübungen sowie Übungen zur Dehnung und Kräftigung umfassen.

Qigong fördert die körperliche Stabilität, das innere und äussere Gleichgewicht sowie die Beweglichkeit und die Gelenkigkeit auf sanfte, aber nachhaltige Weise. Die Übungen werden ohne Anspannung und Hektik ausgeführt. Wird Qigong korrekt praktiziert, dann wird es gleichzeitig als angenehm, erholsam und spannend erlebt.

Taijiquan verbindet ebenfalls körperliche Bewegung mit geistiger Vorstellung. Während Qigong meist in Form von isolierten einzelnen Übungen praktiziert wird, umfasst Taijiquan längere Abfolgen von Bewegungen, die als Formen bezeichnet werden. Taijiquan wurde ursprünglich als innere Kampfkunst entwickelt; der Begriff lässt sich nicht wörtlich übersetzen. Sinngemäss bedeutet er „waffenlose Kampfkunst nach dem Prinzip der kosmischen Polaritäten“. Beim Taijiquan stehen weder die physische Kraft noch der äussere Kampf im Vordergrund. Die eigentliche Bewegung bezieht sich wie beim Qigong auf die Lebenskraft Qi. Die Bewegungen werden deshalb beim Taijiquan ebenfalls langsam, in körperlicher Entspannung und geistiger Fokussierung ausgeführt.

Dao (Kalligrafie von Chungliang Al Huang)

Qigong und Taijiquan wurzeln in philosophisch-spiritueller Hinsicht im Daoismus. Die Vorstellung der Polarität von Yin und Yang spielt deshalb eine wichtige Rolle. Die beiden universellen Kräfte agieren in ständiger Wechselwirkung und gegenseitiger Abhängigkeit. Der Mensch vereint sie und ist immer wieder ihrem Wechselspiel ausgesetzt. Qiqong und Taijiquan bieten Wege, um die beiden Prinzipien Yin und Yang in ein ausgeglichenes Verhältnis zu setzen, so dass der Mensch mit sich selbst und mit seiner Umgebung in Harmonie leben kann.

Chungliang Al Huang beim Kalligrafieren des chinesischen Schriftzeichens 道 (dao), Winterthur 2024